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So vielfältig ist die Blumenhalle

Floristik erzählt in vier Kapiteln vom Leben 

– Die Blumenhalle der Landesgartenschau Bad Nenndorf by Milles Fleurs


Die Blumenhalle der Landesgartenschau Bad Nenndorf wird 2026 zu einem Ort, an dem Floristik nicht einfach gezeigt, sondern erlebt wird. Friederike Rahlfes von Milles Fleurs (Hannover) verbindet Blumenkunst mit Raumkunst, kurörtliche Geschichte mit zeitgenössischer Pflanzenästhetik und die besondere Prägung Bad Nenndorfs mit einer neuen, sinnlichen Form des Erlebens. Sole, Schwefel, Gesundheit und Wandel schwingen in ihr mit – nicht als bloßer Hintergrund, sondern als Teil einer floralen Erzählung, die inspiriert, berührt und überrascht. So entsteht ein atmender Ausstellungsraum, der Schönheit nicht nur sichtbar macht, sondern spürbar werden lässt.

Besonders ist dabei nicht nur jede einzelne Inszenierung, sondern die große Erzählung, die sich aus allen vier Ausstellungen zusammensetzt. Die Blumenhalle entfaltet sich über die Laufzeit der LaGa in vier aufeinander aufbauenden Zyklen, die gemeinsam wie ein florales Storytelling in vier Akten wirken. Jede Ausstellung steht für sich, doch ihre volle Wirkung entfaltet die Blumenhalle erst als Ganzes. Wer diese Geschichte wirklich erleben will, muss also wiederkommen – und den Weg durch alle vier Akte Stück für Stück mitgehen.

Das Konzept von Friederike Rahlfes – Milles Fleurs für die Blumenhalle der Landesgartenschau Bad Nenndorf:

Kapitel 1: Florale Duft-Explosion – ab dem 29. April 2026


Der erste Akt ist ein Auftakt mit voller Wucht. Zur Eröffnung der Landesgartenschau setzt die Blumenhalle ein kraftvolles visuelles Zeichen: ein farbengewaltiges, immersives Blütenfeuerwerk in Magenta, Orange, Pink, Rot und Gelb. Hängende Installationen schweben durch den Raum, Blütenkugeln, Ketten und Strahlenformen bespielen mehrere Ebenen, Kunstblüten, Papierblüten, Trockenfloralien und Frischblüten treten in einen bewussten Dialog.

Doch hinter dieser opulenten Fülle steckt mehr als ein spektakuläres Bild. Dieser erste Raum erzählt von einer Gegenwart, in der Wirklichkeit und Konstruktion immer enger zusammenrücken. Bilder entstehen, die nie existiert haben, Räume werden erschaffen, die es nie gab, und selbst in der Natur scheint Vollkommenheit oft nur ein flüchtiger Zustand zu sein. Genau mit dieser Irritation spielt die Ausstellung. Frische Blumen und künstliche Blüten stehen nebeneinander, nicht als Gegensätze, sondern als Gesprächspartner. Was ist gewachsen, was ist geschaffen? Was ist echt, was ist Inszenierung? Die Ausstellung hält genau jenen Moment fest, in dem Fülle kippt, Schönheit nicht nur bezaubert, sondern auch fordert. Zugleich liegt in ihr ein klarer Bezug zu Bad Nenndorf: Die „explodierende Quelle“ wird zur floralen Hommage an die heilenden Wasserquellen und damit zum funkelnden Ursprung dieser ganzen Erzählung.

Kapitel 2: Urkraft – ab dem 15. Juni 2026


Nach dem Rausch der Farben verändert sich die Stimmung. Der zweite Zyklus wird ruhiger, tiefer, natürlicher – und gerade darin überwältigend. Schwebende Mooslandschaften, organische Pflanzenskulpturen und wurzelartige Gebilde ziehen in die Blumenhalle ein. Organische Bewegungen durchziehen den Raum, Großskulpturen scheinen aus dem Boden zu wachsen oder von oben herab in den Raum gezogen zu werden. Walddüfte, natürliche Materialien und eine konzentrierte, kraftvolle Formsprache schaffen eine Atmosphäre, die nicht laut ist, aber eindringlich.

Inhaltlich erzählt dieses Kapitel von dem Augenblick, in dem das, was eben noch sicher schien, brüchig wird. Wenn Strukturen ins Wanken geraten und das Tempo der Gegenwart nicht mehr trägt, antwortet die Natur nicht mit Dramatik, sondern mit Konsequenz. Sie nimmt sich Raum zurück – still, beharrlich, unaufhaltsam. Durch Risse, entlang vermeintlich fester Ordnungen, in jene Zwischenräume, die längst vergessen schienen. „Urkraft“ ist deshalb keine Inszenierung des Widerstands, sondern eine Erinnerung daran, dass Leben sich nie vollständig kontrollieren lässt. Wachstum braucht nicht immer einen Plan. Es findet seinen Weg. Und vielleicht liegt genau darin etwas zutiefst Beruhigendes.

Kapitel 3: Erblühen – ab dem 27. Juli 2026


Mit dem dritten Kapitel rückt der Mensch ins Zentrum der Erzählung. Nach äußerer Fülle und elementarer Naturkraft öffnet sich der Blick nach innen. „Erblühen“ zeigt den Zusammenhang zwischen Gedanken und Blüten, zwischen innerem Erleben und äußerer Form. Jede Skulptur verkörpert ein eigenes Erblühen, einen Zustand, der im Inneren beginnt und im Äußeren sichtbar wird. Farbgewaltige Blütenkugeln schweben anstelle von Köpfen, florale Fäden, leichte Bänder und transparente Strukturen deuten Gedanken, Gefühle, Charakter und Wachstum an. Digitale Elemente können diese Ebene zusätzlich erweitern und die poetische Idee in einen zeitgenössischen Kontext setzen.

Dieses Kapitel fragt leise, aber eindringlich, ob in einer schnellen Welt eigentlich noch gefühlt wird – oder nur noch funktioniert. Gefühle verschwinden nicht, sie werden oft nur leiser. Sie warten auf einen Moment, in dem sie Raum bekommen. Genau diesen Raum möchte „Erblühen“ öffnen. Blumen werden hier mehr als Form und Farbe: Sie werden zu Ausdrucksträgern für Freude, Sehnsucht, Ruhe oder Trauer. In ihrer Vergänglichkeit liegt ihre Ehrlichkeit. Sie zeigen sich – und vergehen wieder. Darin liegt ihre Kraft. Dieses Kapitel macht neugierig auf einen Raum, der nicht nur angesehen, sondern innerlich erlebt werden will.

Kapitel 4: Erdenwerk – ab dem 7. September 2026


Am Ende der Erzählung wird es stiller. „Erdenwerk“ führt zurück zum Ursprung, zu Wurzeln, Schichten und dem, was Halt gibt. Moos, Erde, Stein, Wurzelholz, Basalt und Lavagestein formen stille Landschaften, geologische Linien und kraftvolle Körper. Die Farbwelt wird erdig: Braun, Ocker, Olivgrün und Dunkelrot, dazu warme Lichtinseln und Duftnoten nach Waldboden und Humus. Der Raum blüht hier nicht laut, sondern atmet ruhig, tief und archaisch.

Inhaltlich richtet dieser letzte Zyklus den Blick auf das, was unter der Oberfläche liegt. Wurzeln sind dabei nicht nur botanisch zu verstehen. Sie stehen für das, was trägt: Menschen, die bleiben, Werte, die Halt geben, Erinnerungen, Überzeugungen und Verbindungen. „Erdenwerk“ erzählt davon, dass Stand nur dort entsteht, wo Verwurzelung möglich ist. Nach Fülle, Verunsicherung und innerem Aufbruch mündet die Blumenhalle damit in eine Frage, die lange nachklingt: Was gibt Halt, wenn alles in Bewegung ist? Gerade weil dieses Kapitel so leise ist, besitzt es eine besondere Wucht. Es bildet keinen lauten Schluss, sondern einen tiefen, warmen Nachhall.


So wird die Blumenhalle 2026 zu weit mehr als einer Reihe wechselnder Ausstellungen. Sie wird zu einer begehbaren Erzählung in vier Zyklen – vom Staunen über die Fülle, über die Erinnerung an die Urkraft der Natur, über das innere Erblühen bis hin zur Suche nach den eigenen Wurzeln. Jede Inszenierung öffnet einen neuen Zugang, jede verändert bestehende Elemente im Raum, jede erzählt anders weiter. Gerade deshalb ist die Blumenhalle kein Ort für einen einzigen Besuch, sondern ein Erlebnis, das sich erst in seiner ganzen Entwicklung erschließt.